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Als die Christuskirche Linden ausbrannte (zitiert aus: WAZ 8. April 2020)

Als die Christuskirche Linden ausbrannte

Gemeindemitglied Lieselotte Schneider (89) war Augenzeugin der Zerstörung der Kirche vor 75 Jahren

Wicho Herrmann

Linden Eigentlich war der Zweite Weltkrieg am 11. April 1945 für die Bochumer Bürger endlich zu Ende. Tags zuvor – am 10. April 1945 – marschierten amerikanische Soldaten in Bochum ein. Und trotzdem flammte der Krieg im Stadtteil Linden an diesem Tag nochmals auf, wie sich Augenzeugin Liselotte Schneider (89) auch nach 75 Jahren sehr gut erinnern kann. Denn an diesem Frühlingstag brannte ihre Christuskirche an der Hattinger Straße aus, nachdem sie von Granaten einrückender amerikanischer Panzer getroffen wurde.

Noch vier Wochen vorher, am 12. März 1945, konfirmierte die junge Liselotte Schneider in diesem Gotteshaus der damalige Gemeindepfarrer Otto Bäumer. Wie kam es dazu, dass die Christuskirche am ersten Friedenstag nach dem Krieg durch Kampfhandlungen zerstört wurde?

Gespräch mit der Augenzeugin nur am Telefon möglich

In einem Interview, das aufgrund der Corona-Pandemie nur am Telefon stattfinden konnte, berichtet die Seniorin davon. „Eine Panzerkolonne mit amerikanischen Soldaten kam am frühen Nachmittag langsam die Hauptverkehrsader aus Bochum hochgefahren“, erzählt sie. Die Leute hängten weiße Betttücher aus den Fenstern, so Schneider, und waren nach Wochen mit täglichen Bomben- und Tieffliegerangriffen erleichtert auf der Straße unterwegs. Sie trafen Nachbarn und stellten sich auf der Hattinger Straße vor den Geschäften zum Einkaufen an.

Die damals 14-Jährige, deren Eltern gegenüber vom Lindener Marktplatz die Konditorei „Knepper“ betrieben, war mittendrin. „Am Morgen verteilte noch eine Mitarbeiterin der Stadt Bochum Handzettel, dass die Amerikaner tags zuvor Bochum besetzt hätten und der Krieg vorbei sei“, berichtet sie. Plötzlich war doch wieder Krieg.

Schneider sah zwei deutsche Soldaten, die sich mit einem Maschinengewehr an einem Straßenbahnmast an der Christuskirche postierten und auf die Amerikaner schossen. Die 89-Jährige: „Diese waren in Höhe unseres Lindener Kinos (heute El Brasi Filmclub) und erwiderten das Feuer. Alle Menschen flüchteten schnellstens von der Straße.“

Panzergranate schlug im Turm der Kirche ein

Wie durch ein Wunder wurde niemand getötet oder verletzt. Beim Gefecht schlug eine Panzergranate im Turm der Kirche ein und löste einen Brand aus. „Vermutlich dachten die Soldaten, dass sich jemand im Turm verschanzt hatte“, so die gebürtige Lindenerin.

Die beiden deutschen Soldaten verließen jedenfalls ihre Stellung. Die Bürger kamen aus ihren Häusern und starrten entsetzt auf den inzwischen lichterloh brennenden Turm der Christuskirche . „Mitten in diesem Massenauflauf stand auch Pfarrer Bäumer, der völlig verzweifelt war“, erzählt Schneider, der sich das Ereignis tief ins Gedächtnis eingegraben hat. Niemand sah sich in der Lage, das Feuer zu löschen.

Der Kirchturm brannte plötzlich lichterloh

Allein die Besitzer des Nachbarhauses (heute „Backhaus Bochum-Linden) versuchten, ihr Gebäude mit Wasserschläuchen und Eimern feucht zu halten, damit kein Funkenflug auch noch ihr Haus in Brand setzte. Schneider: „Der Turm stürzte später ins Kirchenschiff und alles verbrannte auch dort.“

Die Kirche war am Ende bis auf die Grundmauern zerstört. Zum Verhalten der Amerikaner hat die spätere Drogistin an diesem 11. April 1945 gute Erinnerungen. „Sie waren sehr freundlich“, erzählt sie: „Einer sagte meiner Familie und mir in fließendem Deutsch: ‚Sie brauchen keine Angst mehr zu haben. Der Krieg ist nun vorbei.’“